Bronze und Silber

Zwei Stockerlplätze - im Sport geht das nicht. Bei Literatur zwischen den Jahren schon. Das Publikum entschied: Platz 3 für "Du machst das schon", Platz 2 für "Man reiche mir die Brücke". 

Parliamo corona  

„Buona sera, come va? State bene?“ Die Italienischlehrerin begrüßte uns wie jeden Montag. „Si“, antworteten wir, oder „bene“.
„Benissimo“, sagte ich, wie jeden Montag. Die 110 Minuten italianità waren mein wöchentlicher Stimmungsaufheller. Ein Hauch von dolce vita während des Winters, eine gedankliche Reise ins Land meiner Urlaubsträume.
„E tu?“, fragte jemand. „Cosi, cosi“, sagte die Lehrerin und stieg auf Deutsch um. Ganz gegen unsere Kursgebräuche. Denn allen Anfängerstottereien zum Trotz galt die Regel: nel corso parliamo italiano. Sempre. „Ich habe mit meiner mamma telefoniert“, sagte sie. „Sie darf ihr Haus nicht mehr verlassen. Niemand darf sein Haus verlassen. Nicht einmal in die Kirche durfte sie gehen, gestern.“ Der Jemand von vorhin klappte sein Italienischbuch zu und nahm die Brille ab. „Ja, schlimm ist das in Italien. Hoffen wir, dass es bald vorbei ist.“
Das Haus nicht verlassen? Niemand darf dich besuchen kommen? Die Geschäfte geschlossen, kein Restaurant offen? Oh mein Gott, dachte ich.
„Hoffen wir“, sagte die Lehrerin, und „fangen wir an. Pagina 67.“
 
Zuhause schaltete ich den Fernseher ein, die Spätnachrichten. Militärfahrzeuge. Ein Konvoi dunkelgrünbrauner Lastwagen. Stoppten vor einer Halle. Soldaten stiegen aus. Soldaten öffneten die Verdecke der Ladeflächen. Die Kamera gefror. Särge. Soldaten luden Särge aus. Die Särge wurden in die Halle getragen.
Von nun an schaltete ich jeden Tag den Fernseher ein. Was ich seit Jahren nicht gemacht hatte. Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, das hatten meine Nerven irgendwann nicht mehr ausgehalten. Aber jetzt.
Erster Covid-Fall in Tirol hieß es bald. Eine Frau war in Italien auf Urlaub gewesen. Eine Hotelangestellte. Das Hotel wurde geschlossen. Ein Hotel in Innsbruck.
„Ich werde nicht mehr zum Kurs kommen“, sagte eine am nächsten Montag. „Mir ist das zu riskant.“ „Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“, sagte ich, „niemand von uns war in Italien“. „Wir überlegen uns das auch“, sagten die anderen. Oh …, dachte ich, kein Italienischkurs mehr. Kein buona sera ragazzi, keine Geschichten über Mücken in Ferrara, kein Gemotze über unregelmäßige Verben, keine Rezepte römischer Pasta. „Aber wir sitzen doch zwei Meter voneinander entfernt“, sagte ich. „Wir küssen und umarmen uns nicht, wir geben uns nicht die Hand. Ich finde das übertrieben. Das Virus ist ja kein Weitspringer.“ Die Lehrerin sagte nichts. Die anderen auch nicht.
Aber der Fernseher schrie mir „Ischgl!“ entgegen. Und „verkehrsbeschränkte Maßnahmen“, „Ausgangssperre“ und „Maskenpflicht“. Auf seinem Schirm geisterhaft vermummte Krankenschwestern, leer geräumte Klinikstationen, geschlossene Rollläden. Im Radio Albert Camus‘ Die Pest.
Das italienische Kulturinstitut sandte ein E-Mail. Alle Kurse bis auf weiteres abgesagt.
Ich blieb zuhause und nähte Masken. Die Nachbarin gegenüber putzte die Erkerfenster. Sie winkte mir zu. Ich putzte auch und überlegte mir die Einkaufsliste, wie jeden Freitag. Speck, Karotten, eine Dose Pelati, Parmesan. Spaghetti al Francesco, dachte ich mir, am Montag koche ich mir die. Wenn man mir schon den Kurs stiehlt. Riva del Garda, erinnerte ich mich, und Spaziergänge am Strand. Ein Gaskocher vor seinem Zelt. Und wie mir Francesco nachher das Rezept aufgeschrieben hat.
Beim Supermarkt die Beleuchtung auf halbmast. Oder bildete ich mir das ein? Kein Einkaufswagen vor dem Eingang, kein Zwanzigerverkäufer, keine Stühle auf der kleinen Caféterrasse. Die Filialleiterin mit einer Fleischzange in der Hand. Um den Unmaskierten eine Maske zu reichen. Der Lehrbub rollte mir einen Wagen zu, frisch desinfiziert die Haltestange.
Leere Regale. Wo sonst Mehl und Reis, Zucker und Gerste in großer Vielfalt – nichts. Spaghetti und Pelati nur von der Billigstmarke, eine einzige Sorte Butter. „Wir bemühen uns, so schnell wie möglich für Nachschub zu sorgen“, stand auf hastig hingeklebten Zetteln. Das, was wir brauchen, ist da, beruhigte ich das verängstigte kleine Mädchen in mir. Die Regale werden wieder gefüllt werden. Wir werden nicht hungern müssen. Es wird uns nicht so gehen wie Oma und Uroma. Wir werden uns nicht mit drei Kartoffelchen pro Tag zufrieden geben müssen. Es wird funktionieren. Der Landeshauptmann hat es uns versprochen. Und ich legte noch zwei Tassen Cherrytomaten in den Wagen. Aus Italien. Zwei zum Preis von einer. „Soll ich mit Bankomat bezahlen?“, fragte ich die Kassierin. „Wie du magst“, sagte sie und nahm meinen Schein mit gummi-blauen Handschuhen entgegen. Das Wechselgeld legte sie auf den Tresen. „Einen schönen Tag noch“, sagte sie, „und bleib gesund.“
Ich fragte mich. Wie oft ich meinen Vormittagskaffee würde allein trinken müssen. Wann mir die Wirtin am Eck wieder würde Essen servieren dürfen. Wann mich wieder jemand in den Arm nehmen würde. Wann ich wieder jemanden umarmen würde. Ob es heuer Campari auf einer Sommerterrasse geben würde. Wann der Montagabend wieder italienisch werden würde.
Als es Zeit für die Maiglöckchenmaske geworden war, kam die erlösende Nachricht. „Buona sera ragazzi“, sagte die Lehrerin am nächsten Montag. „Come va?“ fragten wir sie. „Benissimo sagte sie, „und meiner mamma auch.“ Ihr Lächeln sahen wir nicht. Aber ich schrieb genüsslich die erste Vokabel nach dem Eingesperrtsein in mein Notizbuch: mascherina.  

(Platz 2 beim Tiroler Literaturwettbewerb der Firma Stihl 2021)

In die Corona-Anthologie wurde diese Geschichte aufgenommen:


Und die Seele 

„Gehen Sie spazieren, im Wald“, haben die Ärzte zu mir gesagt. Damals, als mich der schwarze Vogel niedergerungen hatte. 

Wald und Bewegung, Bewegung im Wald – die erste und für lange Zeit einzige Medizin bei Blei auf der Seele und Schwärze im Kopf.

Ich bin gegangen. Jeden Tag. Weich der Boden unter meinen Sohlen, grün die Nadeln der Fichten, hell die Sonnenflecken zwischen den Zweigen. Vogelgezwitscher und Gekrähe, Stille dazwischen beruhigend. Rau und freundlich die Rinde meines Lieblingsbaums an meiner tränennassen Wange.

Grün beruhigt die Nerven, sagte man mir. Sonnenlicht ist Vitamin. Ohne Sonne kein Glückshormon, ohne Glückshormon kein freundliches Gefühl. Bewegung bringt die Gedanken in Schwung, Wald heilt die geknickte Seele.

Und jetzt darf ich nicht mehr. Mein Wald außerhalb der Stadtgrenze. Es ist verboten, die Stadt zu verlassen. Wage es nicht, sagt man mir. Fahr bloß nicht hinaus und hinauf. In einer Zeit wie dieser. Bleib zu Hause.

Bleib in der Stadt, sage ich mir. Füße vertreten, einmal um den Häuserblock, das darfst du. Das muss eben reichen. Der Park nur zehn Schritte entfernt. Dort lockt ein bisschen Grün, dort locken ein paar Schritte Weichheit unter den Füßen. Dort blinzelt das Gelb der Forsythien, heller als die Sonne, fröhlich geradezu.

Ich stehe am Eingang zum Park. Gezwitscher und Gegurre. „Komm“, singen die Vögel, „wir haben ein Lied gegen deine Traurigkeit“. „Komm“, flüstert der Fluss, „ich wasche deine Tränen weg“. „Komm“, murmeln die Magnolien, „wir wiegen dich in unseren Blüten“.

Signalrot eine Tafel. „Betreten und Befahren verboten“. Rot-weiße Bänder fesseln die Schaukel hinten beim Brunnen, rot-weiße Bänder knebeln das Kletterhaus, das die Kleinen an heiteren Tagen so lieben. Leer gähnt die Sandkiste.

Aus offenen Fenstern schreien Kinder, streiten Eltern. Die Stille dazwischen bleiern. Die Tränen sind nicht mehr aufzuhalten. 

(22.3.2020)